geschieden = Armutszeugnis?

Forum über Scheidung von Christen
cornflakes

geschieden = Armutszeugnis?

Beitragvon cornflakes » Donnerstag 27. April 2006, 11:07

Nächste Woche heiratet mein Bruder, zum zweiten Mal. Ich bin auch geschieden, lebe auch schon 9 Jahre allein. Es ist für mich ein Graus, da hinzugehen.
1. er heiratet an meinem 13. Hochzeitstag und ich stehe quasi mit "leeren Händen" da, d.h. mein Versagen springt mir noch deutlicher als sonst ins Gesicht
2. ich schaue zu, wie einer heiratet, der mich missbraucht und mir damit Steine auf dem Weg zu gesunden Beziehungen auf den Weg gelegt hat
3. für mich ist die Scheidung nach wie vor ein Armutszeugnis, und dass ich immer noch allein bin und keine wirkliche Perspektive in Bezug auf Ehe habe, ein Beweis für meine Unfähigkeit.
4. Alte Freunde von uns kommen, und ich möchte nicht sagen müssen, dass ich (aus guuuutem christlichen Pastorenhaus) geschieden bin. Seit der Trennung lebe ich ein ständiges Versteckspiel, immer in der Angst, jemand könnte mich als Geschiedene entlarven und ich würde an Glaubwürdigkeit (als Christin) verlieren. :oops:

Ich merke aber, ER möchte gern, dass ich komme... ER möchte Beziehung zu mir, ER möchte, dass die einzige Verwandte in Europa kommt ... ICH bin unversöhnlich, gehe zu sehr auf Distanz.

Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll.

corni :(

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Beitragvon charly » Donnerstag 27. April 2006, 14:24

Hallo Corni,

mit Bestürzen lese ich dein Posting :(
Ich kenne zwar auch dieses Gefühl als Geschiedener sich als Versager oder Minderwertig vorzukommen. Aber dass du dieses Gefühl nach 9 Jahren immer noch hast ist sehr schade.
Ist es nicht auch so, dass hinter dem Gefühl nicht nur die Scheidung steht, sondren auch deine Vorgeschichte, die du hier andeutest?

Geschieden zu sein bedeutet aber noch lange nicht, dass du versagt hast. Das wird zwar von Vielen vermittelt und man kann so empfinden. Aber Ehe ist kein Leistungssport!!!
Es stellt sich auch die Frage, wer denn mehr Lebensfähigkeit aufweist: von einer Beziehung in die nächste zu "flüchteh" oder fähig zu sein sogar 9 Jahre alleine leben zu können.
Meine zweite Frau lebte ca 8 Jahre nach ihrer Scheidung allein, bevor sie mich kennenlernte. Und ich muss sagen, sie hat mehr Lebenspower bewiesen, als wenn sie von einer einer Beziehung in die nächste gegangen wäre.

Die Hochzeit deines Bruders...........
Willst du denn da wirklich hin? Und wenn ja, warum eigentlich? Was verbindet dich denn mit ihm noch? Machst du das aus "Familienverpflichtung"?

"Aus guten Pastorenhaus".......
Und? was heißt das schon? Das Pastoren sich nicht scheiden lassen würden? Wohl kaum! Nicht wenige Pastoren werden geschieden, warum sollte das nun gerade bei euch die große Ausnahme sein?
Hier im Forum schauen auch ab und an ein paar geschiedener Pastoren rein, es gibt sogar einen extra (nichtöffentlichen) Bereich für sie.

Corni, wenn du nicht zu der Hochzeit gehen willst, dann lass es doch auch einfach :) Du hast Grund genug nicht zu kommen, frommes Geschwafel hin oder her.
Btw. Meine Schwetser war auf meinen beiden Hochzeiten nicht und sie hatte keine solche Gründe wie du anzuführen, hat sie einfach nicht interessiert.

Gruss, Charly
Trotz so manchem Tief das ich erlebt habe, immer noch oder gerade deshalb Christ :Charly-l

cornflakes

Beitragvon cornflakes » Freitag 28. April 2006, 08:58

Meine Vorgeschichte habe ich jetzt jahrelang bearbeitet und glaube eher, ich hätte dem Thema Scheidung auch etwas mehr Zeit widmen sollen :roll:

Warum ich hin will bzw. das Gefühl habe, hingehen wollen zu sollen... weil er mein Bruder ist. Weil wir miteinander die Vergangenheit besprochen haben und ich ihm - eeeeeigentlich - vergeben habe. Weil ich finde, ich kann mich nicht ewig hinter der Vergangenheit verstecken und unangenehmen Konfrontationen aus dem Weg gehen. Weil irgendwo in mir immer noch der Wunsch nach einer (Herkunfts-)Familie steckt.
Weil ich sehe, wie er sich bemüht... und ich mich verachte, dass sich in mir nix rührt und von mir auch nix kommt.

Ich müsste ihm doch sein zweites Glück gönnen können, statt alle in meinem Umfeld dafür zu strafen, dass ICH keine Ehe leben kann.

Und: wie erkläre ich es meinen Kids, warum ich evtl. nicht hingehe...

corni

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Beitragvon charly » Freitag 28. April 2006, 11:23

Hilft es dir denn evtl. wenn du dir im Vorfeld genauer Gedanken machst, warum du dort hingehen willst und dir klare Ziele steckst, was du dort machen willst, bzw. was du dort nicht mit dir machen lassen willst?

Wenn du mit deinem Bruder die Vergangenheit besprochen hast, kannst du dann mit ihm nicht auch besprechen, was dich in Bezug auf diesen Tag und deinem Kommen bewegt? Evtl. kann er doch nachvollziehen was dich da alles bewegt und bietet dir seine Hilfe an?

Auf jeden Fall solltest du dich von dem Gefühl verabschieden, als Geschiedene Minderwertig oder gar eine Versagerin zu sein. Ich halte es auch inder Familie selber so, dass man mich entweder so annimmt, wie ich bin und auch meine Geschichte, oder sie müssen halt auf mich verzichten. Auch Familie ist immer eine interaktive Geschichte und nicht alleinige Sache des Einzelnen.

Gruss, Charly
Trotz so manchem Tief das ich erlebt habe, immer noch oder gerade deshalb Christ :Charly-l

cornflakes

Beitragvon cornflakes » Mittwoch 3. Mai 2006, 20:03

Ich habe meinem Bruder jetzt zugesagt zu kommen, allerdings mit dem "Hintertürchen", dass ich sagte, erstmal nur für die Trauung an sich, und unter Vorbehalt, da ich z. Zt. noch krank bin. Seine Freude in der Antwortmail hat mich jetzt doch berührt...

Ich glaube, dass ich in meiner Familie wohl am "wenigsten" Probleme habe als Geschiedene, denn meine Mutter ist zum 2. Mal verheiratet, mein Bruder dann auch. Da ist wohl das einzige Problem dieses "Ich habe dir von Anfang an gesagt, er taugt nix".
Ich kämpfe eher immer noch mit dem Gefühl, in christlichen Kreisen minderwertig zu sein. Und da verstecke ich mich am meisten.

Und die aaaaallermeisten Probleme habe ich wohl mir selbst gegenüber. Meine Selbstachtung in Bezug auf meine Ehe ist deutlich unter null. Das kriege ich nicht unter die Füße und weiß nicht, wo anfangen.

corni

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Beitragvon charly » Mittwoch 3. Mai 2006, 21:09

Hallo Corni,

das liest sich doch schon mal ganz gut :D
Evtl. wird das doch noch ein ganz netter Tag auch für dich.

Wie es scheint würde dir evtl. in der Wieder- oder Neugewinnung deiner Selbstachtung Hilfe von einem guten Berater oder Therapeuten viel bringen. Das muss ja nun wirklich nicht bedeuten, dass dies nun eine langfristige Sache wird.

Bei dem, was du anscheinend schon so alles erleben musstest, ist es gut nachvollziehbar, dass dein Selbstbild und damit auch deine Selbstachtung Schaden erlitten hat und etwas ist, was du dir, möglicherweise immer wieder mal, erarbeiten musst.

Die wichtigste Botschaft mag für dich sein, zu erkennen, wie sehr Gott dich achtet und wie wertvoll du tatsächlich in Seinen Augen bist.
Gott schaut ganz sicher nicht auf dich und schüttelt den Kopf darüber, dass du deine Ehe nicht hinbekommen hast. Sicher schaut er auf dich und möchte dir nur zu gerne erzählen, wie kostbar du für Ihn bist. Tja, nur zuhören was Gott zu uns sagen will, das müssen wir dann doch schon selber ;)

Mir hat Gott auch noch mit der Zeit so manche "Hilfstherapeuten" geschickt - Menschen, die mir völlig unerwartet ausdrückten, das ich kostbar für sie bin, das ich als Mensch und Mann immer noch atraktiv und alles andere als "zweite Wahl" bin usw.

Sinnigerweise haben mir damals fromme Bücher zB nicht geholfen, aber so manche Stunde, die ich mit Gott bzw. Er mit mir verbracht hat :D
Solche Zeiten wünsche ich mir von Gott für dich.
Und wer weiß? Evtl. bereitet Er dir gerade eine solche Zeit auf dieser Hochzeit? Gott tut so oft Überraschendes :lol:

Gruss, Charly
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cornflakes

geschafft!

Beitragvon cornflakes » Montag 8. Mai 2006, 12:18

Die Hochzeit ist rum und ich habe es gut überstanden. War zwar vorher gräßlich nervös und zittrig, aber während der ganzen Feier ruhig. Und irgendwann hab ich gemerkt, dass das Verhältnis zu meinem Bruder wirklich einfach "gut" ist. Schön, wenn man merkt, es ist was richtig heil geworden. Mit dieser Ermutigung könnte man ja glatt die Aufarbeitung der eigenen Ehezeit angehen *ähem* :?
Jedenfalls hat er mir heute auch gemailt, dass ich doch bald mal mit meinen Jungs vorbeikommen soll, und ich habe nicht wie üblich gleich "Hiiiilfe" gedacht, sondern freu mich über die Einladung. *staun*

Es waren nicht soooo viele alte Bekannte da, und ich hab tapfer zu der Tatsache gestanden, geschieden zu sein. DIE haben mich nicht dafür verachtet... der Hauptankläger bin wohl doch ich selbst.

Das Wichtigste war für mich: ich konnte meinem Bruder sein 2. Glück gönnen, ohne grummelige, bittere oder boshafte Gedanken.

Mal schauen, wie lange jetzt dieses "gute" Gefühl anhält... ich stehe sicherlich mal wieder auf dünnem Eis, und sobald ein Hieb vom Ex kommt oder eine unbedachte Bemerkung über Geschiedene in der Gemeinde, breche ich wieder ein :roll:

cornflakes

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Beitragvon charly » Montag 8. Mai 2006, 12:23

Hallo Cornflakes,

ich freue mich, dass du dich dann doch getraut hast und nun ein solch positives Resümee ziehen kannst :D

Tja, evtl. wäre es nicht schlecht, wenn du deine eigene Ehe Aufarbeitest. Du bist viel zu wertvoll, als dass du dich weiterhin so zweitklassig vorkommen solltest!

Gruss, Charly
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